An invisible man sleeping in your bed. Who you gonna call?
Die Schauspielerin Chris MacNeil weiß nicht mehr weiter: seit geraumer Zeit verändert sich ihre Tochter Regan zunehmend. Immer öfter wird sie aussfallend, benutzt Schimpfwörter und rastet aus. Es ist als ob ihr Charakter sich ändern würde. Anfänglich schiebt sie es auf ihre Pubertät und denkt, es würde sich wieder legen – doch Regans Wutausbrüche werden immer stärker. Sie entscheidet Regan von einem Arzt untersuchen zu lassen – doch der kann nichts außergewöhnliches festellen. Er entscheidet ihr Ritalin gegen Hyperaktivität zu verschreiben, doch auch dies hilft nichts.
Eines Abends, als Chris ihr Filmteam zu einem Abenddinner bei sich zuhause eingeladen hat, taucht plötzlich Regan auf, die eigentlich schon schlafen sollte. Sie uriniert vor den Augen aller Freunde. Chris ist entsetzt, ebenso ihre Freunde. Sie ist fertig mit den Nerven und weiß keinen Rat mehr. Sie entscheidet erneut die Ärtze aufzusuchen – trotz intensiver, teils sehr drastischen Untersuchungen, konnten sie nichts finden. In ihrer Verzweifelung schlägt einer der Ärzte vor, einen Exorzismus durchzuführen. Er glaube zwar nicht daran, könnte sich aber vorstellen, dass die suggestive Wirkung zu einem heilenden Ergebnis führen könnte. Chris hält dies für absurd – aber Regans Zustand verschlimmert sich dermaßen, das sie keinen anderen Ausweg kennt.
Die katholische Kirche schickt Pater Merrin und Karras. Während Merrin die Existenz von Dämonen akzeptiert, befindet sich Karras in einer Glaubenskrise. Doch diese Krise sollte alsbald beendet sein – denn tatsächlich hat ein Dämon von der kleinen Regan Besitz ergriffen und mit jedem Tag wird er stärker und Regan schwächer. Merrin und Karras müssen handeln, doch der Dämon würde Regans Körper niemals ohne einen Gegenpreis aufgeben…
Pater Merrin: „Die Kraft Jesu Christi bezwingt dich! Die Kraft Jesu Christi bezwingt dich!“
Glaubt man der Werbemaschinerie von Warner Bros., so erschien 1973 der schrecklichste Film aller Zeiten. Glaubt man dem Einspielergebnis (inflationsbereinigt 2010: zirka 1.8 Milliarden US-Dollar), so ist es zumindest einer der erfolgreichsten – wenn nicht sogar der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten. Und glaubt man vielen Kritikern, so ist es zumindest einer der klügsten Horrorfilme aller Zeiten, der immerhin für zehn Oscars nominiert wurde und von denen auch zwei gewann. Egal welches Attribut man „Der Exorzist“ nun anhängen mag, er ist ohne Zweifel ein Klassiker des modernen Horrors, der auch nach fast 40 Jahren noch vollends überzeugen kann. William Peter Blattly schrieb den Original-Roman im Jahre 1971 – angeblich nach einem wahren Fall von Exorzismus, der in den 40er Jahren in den USA Aufsehen erregte. Die Verfilmung seines Erfolgromans übernahm William Friedkin, der vorher bereits dem zum Kultfilm avancierten „French Connection“ inszenierte. Zweifelsohne setzte Friedkin bei „Der Exorzist“ für damalige Verhältnisse auf drastische Schockeffekte. Die besessene Regan kotzt Priestern ins Gesicht, dreht ihren Kopf um 360 Grad oder rammt sich ein Kreuz in die blutigen Geschlechtsteile – aber diese, teils sehr simplen Schockeffekte, sind nicht der wahre Grund für die immer noch anhaltende Popularität des Films (wobei dies nicht zwigend für die damalige Popularität gilt). Die eigentliche Handlung ist weitaus komplexer und behandelt die simpelsten Fragen des Glaubens. Im Grunde ist der eigentliche Hauptdarsteller nicht Regan oder ihre Mutter – schon gar nicht der Dämon – sondern Priester Karras, der unter einer Glaubenskrise leidet und sich für den Tod seiner Mutter verantwortlich macht. So wundert es auch nicht, dass die Kontroverse um den Film zwar oberfläch im öffentlichen Auge um die Schockeffekte, aber die eigentliche Diskussion rein inhaltlich geführt wurde. Hat der Teufel die Priester ausgetrickst? Begann Priester Karras in einem Akt der Selbstlosigkeit den Freitod? Wenn ja, hat er damit nicht seinen Platz in der Hölle eingenommen? Oder hat der Dämon ihn ermordert und ihm aus dem Fenster geschleudert? Und aus welchen Gründen? War es lediglich ein perfides Spiel um zwei gläubige Seelen zu ergattern – denn schließlich verlangte er ja selber nach Pater Merrin – oder wollte er nur Unruhe stiften, den Gottesglauben erschüttern, so wie es Pater Merrin ausdrückte? Doch wenn dies der Fall ist, dann stellt sich wiederrum die Frage, ob seine Existenz nicht bereits den Beweis für die Existenz eines Gottes abliefert – wie könnte man diesen dann erschüttern? Wie immer man es sehen möchte, wie immer man auch die Frage beantworten möchte, eines steht zweifelsohne fest, der Film kann auch noch nach 40 Jahren begeistern und unterhalten.
Pater Karras: „Wieso dieses Kind? Es ergibt keinen Sinn.“
Pater Merrin: „Es geht ihm darum uns verzwiefeln zu lassen. Er will, dass wir uns anders sehen. Animalisch, häßlich. Damit wir erst gar nicht auf die Idee kommen, dass Gott uns lieben könnte.“
Dies liegt vor allem an der sehr ruhigen Erzählweise des Films. Bis es zum eigentlichen Exorzismus kommt, vergehen rund 90 Minuten. Das, wofür der Film am meisten bekannt ist, findet im Grunde nur im letzten Drittel statt. Die Präsenz vom vermeintlichen Hauptdarsteller Max von Sydow als Pater Merrin, beschränkt sich gar auf 20 Minuten. Friedkin verwebt die Geschichte mit mehreren Schicksalen, die er recht klug miteinander verbindet. Und bei keiner der Geschichten hat man das Gefühl, dass sie zu kurz geraten sind. Sei es die Glaubenskrise des Pater Karras, die Ermittlungen von Lt. Kinderman, der Exorzismus von Father Merrin, die fürsorgliche Sorge der modernen und unabhängigen Mutter Chris MacNeil oder die schleichende Inbesitznahme des Dämons von Regan. All diese Plots bauen aufeinander auf und besitzen ihr eigenen Schwerpunkte über die man ganze Bücher füllen könnte. Und dies ist im Grunde das, was den Film auszeichnet. Der Exorzimus oder die Besessenheit Regans ist nicht zwingend der Mittelpunkt des Films, sondern eher der Aufhänger, an dem die Charaktere sich messen müssen. Jeder wird auf seine Art und Weise herausgefordert und getestet. Als Pater Karras die besessene Regan mit Leitungswasser bespritzt und ihr vorgaukelt, dass es sich dabei um Weihwasser handeln würde, spielt der Dämon dieses Spiel mit – um für Verwirrung zu sorgen. Karras hingegen ist sich sicher, dass Regan nicht besessen, sondern phsychisch gestört ist – da sie eben auf das Leitungswasser dämonisch reagierte. Ihre Mutter hingegen ist sich sicher, dass es nicht mehr Regan, sondern der Dämon ist. Eine Mutter könne dies spüren, eine Mutter weiß das. So handelt Friedkin auf sehr kluge Weise mehrere Aspekte der Handlung ab. Auf der einen Seite steht der tief in seinem Glauben erschütterte Pater Karras, der die Besessenheit als Werkzeug des Teufels nicht wahrhaben kann und will, und auf der anderen Seite steht die aufgeschlossene, erfolgreiche und selbstständige Mutter, die im Zeitalter des Feminismus zu alten Glaubensansichten zurückkehrt – oder zu dessen Rückkehr regelrecht gezwungen wird. Sie ist die einzige Person, die weiß, das dieses Wesen nicht Regan sein kann. Und damit akzeptiert sie – vielleicht unwissentlich – sogar den Teufelsglaube. Und somit auch den Gottesglaube.
Pater Karras: „Ich sagte Regan, dies sei Weihwasser. Und als ich sie damit besprengt habe, wurde sie gewalttätig. Es ist Leitungswasser.“
Chris MacNeil: „Wo ist der Unterschied?“
Pater Karras: „Leitungswasser ist nicht geweiht. Regans Reaktion ist also kein Beweis von Besessenheit.“
Diese teils sehr komplexen Handlungen werden wie erwähnt von Friedkin sehr routiniert, ruhig, aber auch pointiert inszeniert, wobei man allerdings anmerken muss, das der ein oder andere Szenenübergang teils recht ruppig gestaltet ist. Interessant ist hierbei seine Musikauswahl – im gesamten Film ist nur an einer Stelle Musik eingesetzt wurden, die man auch wirklich als Filmmusik identifizieren kann. Somit als filmisches Stilmittel. Erst ab Minute 15 erklingt einmal im Film das mittlerweile legendäre Musikstück „Tubular Bells“ von Mike Oldfield. Interessanterweise dann, als alle wichtigen Charaktere eingeführt wurden und bevor die ersten verhaltenen Anzeichen des Grauens sich breit machen. Eine solch fast schon passioniert ruhige Inszenierung, die sich wirklich Zeit damit lässt, ihre Charaktere einzuführen und ihre Geschichte aufzubauen, findet man heutzutage in diesem Genre leider nur noch sehr selten. Ein weiterer Grund den Film hochzuhalten.
Fatality:
„Der Exorzist“ kann auch nach 40 Jahren noch immer begeistern, auch wenn der Zahn der Zeit an dem Etikett schrecklichster Film aller Zeiten sehr genagt hat. Aber im grunde ist dies auch vollkomen egal, da er seine wirkliche Stärke nicht aus den Schockeffekten zieht, sondern aus den weitaus komplexeren Nebenhandlungen.
Krypton McKracken









































